Die Schnapsidee mit dem Gin kam in der Milchbar

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Eine Wolke aus Düften bekannter und exotischer Gewürze empfängt einen in der Brennerei. Tannenspitzen, Linden- und Orangenblüten und Pfeffer mischen sich mit Wacholderschnaps, der aus einer mannshohen Destillieranlage rinnt. Es ist Brennzeit in Zürichs einziger Gin-Brennerei, eine Reihe blauer Fässer enthält das Werk der vergangenen Tage. Geschäftsführer Merlin Kofler führt an einer unscheinbaren Adresse in einem ruhigen Quartier in Albisrieden durch die Räume der Better Taste GmbH. Seit einem Jahr ist das Jungunternehmen mit dem „Turicum Gin“ erfolgreich auf dem Markt.

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Angefangen hat alles bei einem Ausflug nach England, wo die Gründer den Geschmack und die Vielfalt von Wacholderschnaps entdecken. Dort wird Gin seit Jahrhunderten nach bewährter Tradition gebrannt. Noch bevor sich die Gedanken im wahrsten Sinne des Alkohols verflüchtigen können, wird in der „Milchbar“ die Schnapsidee vom eigenen Gin konkret. Kofler kündigt bald einmal die Festanstellung als Chef de Bar und verfolgt beharrlich den Plan einer eigenen Brennerei. Mit ins Boot holt er gleich auch den ehemaligen Arbeitskollegen Oliver Honegger, gelernter Koch und somit ohnehin vertraut mit der Kreation von Rezepten. Dabei sein wollte auch Philipp Angst, ebenfalls bekannt aus der gemeinsamen Zeit im Szenelokal. Für den 28-jährigen Kofler ist das eine entscheidende Erfahrung beim Schritt in die Selbständigkeit: „Erst bei der Arbeit entsteht dieses Vertrauen und ein Gefühl dafür, auf wen man sich verlassen kann.“ Der Übergang in die Selbständigkeit sei allerdings eine harte Zeit gewesen. Zur Finanzierung des Lebensunterhalts liefern sie ab vier Uhr morgens bis gegen Mittag Pakete aus und schleppen danach Umzugskisten. Erst dann ist Zeit für alchimistische Feinarbeit auf der Suche nach der endgültigen Rezeptur. Mischverhältnisse verändern, brennen, degustieren. Gebrannt wird mit einem kleinen Destilliergerät, 2.5-Liter gibt es jeweils her. Dann betätigen sie sich als Mundschenk im Freundes- und Bekanntenkreis – mit überwältigendem Echo. Time to Market.

Rezeptur gefunden

TrFlasche-Mood-1aditionellerweise treffen Hersteller von Wacholderschnaps eine Auswahl aus rund 120 Zutaten. Die Versuche mit unterschiedlichsten Botanicals dauert ein Dreivierteljahr. Man experimentiert beispielsweise mit wildem Pfeffer, dessen Nachschub der in Madagaskar lebende Vater Koflers besorgt. Anders als bei herkömmlichem Pfeffer werden die Körner auf einer Höhe von 15 Metern gepflückt, auf der das Gewürz eine besondere Note erhält. Engelwurz, Süssholz sowie Zitronen- und Orangenzesten kommen dazu. Schliesslich ist die Rezeptur – ein Teil ist selbstverständlich Betriebsgeheimnis – mit insgesamt zwölf Zutaten gefunden. Diese werden zuerst in hochreinem Agraralkohol von 96.4 Volumenprozenten angesetzt und dann im Brennverfahren destilliert. Danach wird das Destillat mit Zürcher Seewasser auf angenehme Trinkgrade von 41.5 Prozent zum – nomen est omen – „Turicum Gin“ verdünnt. Die in der Regel gegen vier Tage dauernden Brennvorgänge folgen mit einer Kadenz von zwei Wochen.

Team komplett

Als vierter Teilhaber steigt schliesslich IT-Unternehmer und Gin-Geniesser Oscar Martin ein, auch er bekannt aus gemeinsamen Tagen in der Bar, wo er als Ausgleich zum beruflichen Alltag als DJ auflegte. Zu seinen Aufgaben bei der Better
Taste gehören der Webauftritt und das Design. Für das Unternehmerquartett ist nun die Gründung der GmbH Formsache. Der Businessplan entsteht in nur zwei Wochen, der erste Produktionsstandort in einer Scheune in Albisrieden unweit vom heutigen Sitz der Firma ist ebenso schnell gefunden. Die Kapitaleinlagen ermöglichen Investitionen in eine Destillieranlage mit einer Kapazität von 70 Litern. Das Budget wird von Anfang an knapp gehalten, wobei Zuschüsse von Philipp Angst und Oscar Martin zusätzlich Luft verschaffen, so dass die Produktion sukzessive ausgeweitet werden kann.

Tipps vom Grossvater

Turicum-Shooting-neu-1Dennoch: Trotz fein abgestimmter Rezeptur und sorgfältigster Auswahl der Zutaten bietet die Herstellung grösserer Mengen besondere Herausforderungen. Da kommen Koflers Familienbande zupass, zumal bereits der Grossvater im Tirol eine Grossbrennerei unterhielt und ein Onkel in der Region Landeck nach wie vor im gleichen Geschäft tätig ist. „Beim Hochfahren der Produktion geht es um Finessen, deshalb waren ihre Erfahrungen sehr hilfreich“, sagt Kofler.

Der eigentliche Launch des „Turicum Gin“ erfolgte vor rund einem Jahr. Das Ergebnis der ersten grösseren Produktion – damals noch in Koflers Wohnung verpackt und etikettiert – wird im erweiterten Bekanntenkreis und bei möglichen Kunden in der Gastrobranche zu Testzwecken ausgeschenkt. Das Echo auf den „Turicum Gin“ ist wiederum sehr positiv, die Rezeptur trifft speziell auch den Geschmack der Damenwelt. Die 1´000 Flaschen sind innerhalb von kurzer Zeit ausverkauft. Das führt zu Lieferengpässen, spült aber Geld für den Einkauf von Rohmaterial in die Kasse. Somit ist das Glas des Startups nun halb voll, weshalb die Nebenbeschäftigung aufgegeben wird. Im Vergleich zu Whiskey hat die Produktion von Gin übrigens den Vorteil, dass die Lagerung entfällt, was zu einer geringeren Kapitalbindung führt.

Konzentration aufs Wesentliche mit „Run my Accounts“

„Die Buchhaltung nicht vernachlässigen.“ Diesen Tipp gibt Kofler, bei Better Taste für die Buchhaltung zuständig, allen angehenden Jungunternehmern. Der Treuhänder soll über die gleiche ERP-Software verfügen wie die Better Taste GmbH, um Friktionen beim Abgleich zu minimieren, lautete die ursprüngliche Vorgabe. Nach kurzer Recherche im Internet stösst Kofler dann jedoch auf die Dienste von „Run my Accounts“. Die technikaffinen Gründer sind vom Angebot schnell überzeugt: Spesenrechnungen etwa lassen sich im Restaurant fotografieren und für die Verbuchung weitersenden. Coole Idee. Aufgrund der zeitnahen Verbuchung ist ein umfassender Überblick über Rechnungen und Belege jederzeit gewährleistet. „Man findet alles sofort“, sagt Kofler begeistert. Zudem bestehe die Wahl, Buchungen selber auszuführen oder die gesamte Buchführung „Run my Accounts“ zu überlassen. Antworten auf Fragen über wichtige gesetzliche Details oder steuerliche Bestimmungen erhalte man umgehend per Mail. Das System von „Run my Accounts“ gewährleiste einen tagesaktuellen Stand der Zahlungseingänge, was Kofler auch mit Verweis auf die Zahlungsmoral in der Schweiz als zusätzliches Plus wertet. Auch werde die interne Kommunikation als Basis wichtiger Entscheide schneller, einfacher und genauer. Einen Screenshot der Erfolgsrechnung an die Geschäftspartner senden, schon seien alle bei Geschäftszahlen auf dem neusten Stand. Dank umsichtigem Finanzierungsgebaren und Ordnung in der Buchhaltung steht das Unternehmen bereits nach einem Jahr ohne Schulden da, auf Bankkredite konnte verzichtet werden. Zu den Erfahrungen mit „Run my Accounts“ sagt Kofler, der eine Doppelausbildung als Hotel- und Gastgewerbeassistent sowie als Bürokaufmann vorweisen kann: „So können wir uns aufs Wichtige konzentrieren.“ Gin.

Zürichs Gin

 

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Abheben von der Konkurrenz will sich das Jungunternehmen neben der Qualität der Zutaten und der Transparenz beim Einkauf auch mit dem Design. So setzen die Halbliterflaschen aus Steinzeug, in beiger Farbe gehalten, optisch einen Akzent zu den Glasflaschen als Gebinde gängiger Ginmarken. Die Etikette mit dem Kantonswappen und der Name – Turicum hiess die Stadt zur Römerzeit – sind Reminiszenzen an den Standort Zürich. Kofler, der arbeitshalber immer wieder gerne den Duft der weiten Welt geschnuppert und mehrmals die Zürcher Zelte abgebrochen hat, ist immer wieder gerne hierher zurückgekehrt. Er betont die hohe Lebensqualität und die Offenheit der Stadt Neuem gegenüber, die multikulturelle Bevölkerung und das friedliche Nebeneinander unterschiedlichster Gruppen als Charakteristiken einer aufgeschlossenen Weltmetropole.

Bei der Better Taste operativ tätig sind bisher die beiden Gründer, zu denen demnächst IT-Unternehmer Martin dazustossen wird. Ihre Verantwortungsbereiche haben sich aufgrund von Neigung und Erfahrung ergeben. „Jeder macht das, was er gut kann, so kommen wir uns nicht in die Quere“, beschreibt Kofler den Umgang untereinander, in vierzehntäglichen Sitzungen sprechen sie sich ab. Weil sich Kofler wegen der grossen Verantwortung bei der Festanstellung von Personal vorsichtig gibt, helfen momentan noch Freunde und Bekannte aus, etwa beim Abfüllen und Etikettieren.

Behörden bereiten Kopfweh

Als Wermutstropfen nennt Kofler den zeitlichen Aufwand im Zusammenhang mit Bewilligungen von Behörden. „Das stellten wir uns anfangs einfacher vor.“ Aus den veranschlagten sechs Monaten für den Geschäftsaufbau seien mittlerweile zwei Jahre geworden. So fordert die Eidgenössische Alkoholverwaltung bei kommerziellen Brennereien Mengennachweise über den gesamten Prozess vom Einkauf des Agraralkohols über die Produktion bis hin zum Ausschank. Gesetzliche Anpassungen mit vermehrter Gewichtung der Selbstdeklaration könnten allenfalls bis ins Jahr 2019 Realität werden. Tatsächlich betritt die Better Taste GmbH mit ihrem Geschäftsmodell Neuland. Bierbrauereien haben in der Stadt Zürich zwar Tradition, nicht jedoch Brennereien. Deshalb fehle auch bei den Behörden die Erfahrung, was allerdings auch geschichtlich bedingt ist, wurde doch in der Schweiz vor rund hundert Jahren aus moralischen Gründen die Verarbeitung von Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Kartoffeln zum Luxusgut Schnaps verboten.

Gin mit Auszeichnung

Mittlerweile ist das Unternehmen mit dem „Turicum Gin“ bei vielen Händlern in den grössten Städten der Deutschschweiz vertreten. Die Gründer wollen aber auch neue Märkte erschliessen. In Spanien und Belgien ist der Vertrieb im Aufbau begriffen, Vertriebskanäle in Deutschland, Österreich und Italien bestehen bereits. Der Vermarktung im Ausland Schub verleihen könnte die Auszeichnung im Rahmen des „World Luxury Guide“, der von der Zeitung „Die Welt“ herausgegeben wird. Aufgrund weltweit durchgeführter Degustationen von Produkten verschiedenster Anbieter erreichte der „Turicum Gin“ bei der Bewertung auf Anhieb den vierten Platz. Allerdings lässt Kofler auch durchblicken, dass die Erschliessung des Auslandmarkts nicht einfach wird, zumal die Better Taste in der Region Zürich quasi über einen Heimvorteil verfügt. Bei der Online-Vermarktung sucht das Unternehmen die Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Portalen.

Erfolgsrezept

Züri-Mule

Die Better Taste GmbH tritt auf dem Markt gegen internationale Marken wie „Gordon´s“ an. „Wir müssen alles tun für ein gutes Produkt, dann spielt die Menge keine Rolle“, meint Kofler. Schlaflose Nächte ob der Konkurrenz habe man bisher jedenfalls nicht gehabt. Rund 6´000 Flaschen lassen sich mit der bestehenden Destillieranlage herstellen. Der Marketingplan ging für 2016 von einer Verkaufsmenge von 3´000 Flaschen aus, wobei das Ziel Mitte Jahr schon erreicht ist, bereits im zweiten Halbjahr 2015 wurde das Budget übertroffen. Deshalb gibt´s demnächst auch eine Lohnerhöhung. Auch die Suche nach neuen Rezepten geht unentwegt weiter. Mögliche Rezepturen, gebrannt und abgefüllt in kleinen Flaschen, stehen im Büro bereits in einem Schrank. Über sein bisheriges Wirken bei der Better Taste sagt Kofler ausgenzwinkernd: „Länger arbeiten für weniger Geld – aber es macht Spass.“ Ein Rezept ohne Geheimnis. Passion für eine Idee.

Der Autor:

Stefan Schmid schreibt schwerpunktmässig Beiträge zu den Themen Rechnungswesen, Controlling sowie Gesellschafts- und Unternehmenssteuerrecht. Zudem verfasst er Berichte und Reportagen über Unternehmen mit Börsennotierung oder Posts über neue Produkte und Dienstleistungen von Startups. Neben betriebswirtschaftlichen Fragestellungen befasst er sich in seinen Artikeln und Blogbeiträgen auch mit relevanten Entwicklungen einzelner Branchen und grundsätzlichen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen. Er ist Betriebsökonom FH mit Weiterbildung im Rechnungswesen & Controlling und Journalist JSG.

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