Arbeiten im Zug? – Ein Selbstversuch

Zug Ankunft in Stäfa

Heute ist ein besonderer Tag: Es ist der letzte Arbeitstag im Jahr 2016. Heute mache ich den Selbstversuch, ob Arbeiten im Zug möglich ist. Damit meine ich nicht nur, ob ich auf dem Weg zu einem Kundenbesuch arbeiten kann, sondern ob ich meinen Arbeitsplatz in den Zug verlagern könnte.

05:53 – es geht los – Abfahrt im Bahnhof Stäfa.

Fokussiertes Arbeiten im Zug

Schon seit meinem Studium weiss ich, dass ich im Zug sehr gut arbeiten kann. Auf dem Weg zur Uni habe ich mich mit Büchern auf die Vorlesungen vorbereitet. Heute besuche ich Kunden und Lieferanten praktisch ausschliesslich mit dem öffentlichen Verkehr. Auf dem Weg dort hin arbeite ich an meinem Computer. Ich mache die Erfahrung, dass ich mich unterwegs sehr gut fokussieren kann. Egal ob erste oder zweite Klasse, egal wie viele Leute im Wagen sitzen, egal wie laut sie sich unterhalten.

Woran liegt das? Ich glaube, es gibt dafür verschiedene Gründe:

  • Ich bin nicht im Büro und werde von niemandem bei meiner Arbeit unterbrochen.
  • Die SBB serviert mir Kaffee direkt an meinem Arbeitsplatz.
  • Meine Arbeit wird durch vorgegebene Pausen unterbrochen: Arbeiten während der Fahrt, Pause während dem Umsteigen. Dies gibt einen guten Rhythmus.
  • Ein Tapetenwechsel bringt einem auf neue Ideen: Es lässt sich gut Nachdenken, wenn die Landschaft an einem vorbeizieht.

06:30 – Abfahrt im Zürich Hauptbahnhof, ICN über Solothurn Richtung Lausanne. Ich wähle den Speisewagen und gönne mir ein Frühstück mit Kaffee und Gipfeli.

Meine Ausrüstung

Das hier habe ich dabei:

Meine Umhängetasche von Rossis. Sie ist klein und handlich und nimmt doch alles auf, was ich zum Arbeiten im Zug brauche. Wenn es keinen Tisch im Zug gibt, dann dient sie mir als Ablage auf den Knien für mein Computer.

Mein Computer: das kleinste Modell von Apple – ein MacBook. Mit dem tiefen Gewicht und dem hervorragenden Bildschirm eignet er sich perfekt für mein mobiles Büro.

Mobiles-Internet: Ich schwöre auf die AirCard 785S von Netgear! Perfekter Empfang, unkompliziert und überall online während bis zu 8 Stunden. Was will man mehr? Darüber im Zugriff: Die Cloud. Hier sind alle meine Daten abgespeichert. Natürlich unsere eigene Online-Buchhaltungs-Software und sämtliche Daten auf OwnCloud.

Headset: Plantronics Voyager Edge. Das beste Headset, das ich je hatte. Perfekt zu Computer und Handy.

08:40 – Ankunft in Lausanne. Kundenbesuch.

Ist es günstiger, im Zug zu arbeiten als in einem Büro?

Arbeiten im ZugIn meinem Blog Wie viel kostet ein Mitarbeiter wirklich? habe ich die Bürokosten für einen Mitarbeiter berechnet. Ein Mitarbeiter braucht im Durchschnitt 15 m2 Bürofläche. Bei Kosten von CHF 240 pro m2 pro Jahr kommt man auf einen Monatspreis von CHF 300 pro Arbeitsplatz. Hinzu kommen Bewirtschaftungskosten von CHF 98.90 pro m2 pro Jahr plus Möbelkosten (Empfang, Arbeitsplatz, Toilette, …) von CHF 150 pro Monat. D.h. dass je nach Standort des Büros betragen die Kosten pro Mitarbeiter CHF 573 pro Monat.

Vergleichen wir das mit den Kosten eines „mobilen SBB Büros“: Ein GA 2. Klasse kostet CHF 322 pro Monat (CHF 3860 pro Jahr) resp. ein Generalabonnement 1. Klasse CHF 525 pro Monat (CHF 6300 pro Jahr). Ausserdem spart sich der Mitarbeiter die Kosten der Anreise zum Büro resp. einen Parkplatz und reist auch in seiner Freizeit gratis durch die Schweiz.

Ich gehe nicht davon aus, dass die SBB das gerne hören wird: Der Zug ist das günstigere Büro!

10:47 – Nach einem Trip mit der Metro nach Ouchy, geht es weiter von Lausanne nach Genève Aéroport.

Ein Gedanken-Experiment: Das Büro im Zug

Näher zu unseren Kunden!

Unsere Arbeitsplätze bei Run my Accounts sind komplett Cloud basiert. Papier kennen wir nicht. Arbeiten lässt sich von überall her. Das Büro als Arbeitsplatz wird redundant. Mindestens so lange der Internet-Empfang unterwegs ok ist. Wieso also nicht im Zug arbeiten? Und zwischendurch unsere Kunden besuchen?

Wie wäre es, wenn wir das Büro aufgeben und stattdessen allen Mitarbeitern ein GA 1. Klasse zur Verfügung stellen? Die Mitarbeiter steigen am Morgen in den Zug, fahren nach Genf, Scuol, Disentis, Lugano – dorthin, wo sie gerade Lust haben. Oder dorthin, wo es keinen Hochnebel gibt. Unterwegs besuchen sie unsere Kunden. Zum Team Meeting treffen wir uns beim Mittagessen in Davos. Für interne Meetings synchronisieren die Mitarbeiter ihre Zugfahrpläne. Kaffee wird am auf dem Oberdeck eines Raddampfers auf dem Vierwaldstättersee serviert. Zum Feierabend-Bier treffen wir uns auf Rigi-Kulm.

So gesehen ist der Zug der reizvollste Arbeitsplatz, den sich ein Mitarbeiter nur vorstellen kann! Und auch unsere Kunden würden sich freuen, wenn wir sie regelmässig besuchen würden.

Geneve Aeroport

11:50 – Abfahrt in Genève Aéroport Richtung Brig. Sandwich im Zug.

Welche Arbeiten eignen sich für den Zug?

Für Strom ist in den SBB Intercity Zügen gesorgt: bei jedem Arbeitsplatz gibt es eine Steckdose. Mein Computer hält aber auch ohne Strom mindestens 5 Stunden durch.

Damit man auch unterwegs vertrauliche Daten auf dem Monitor ansehen kann, gibt es Blickschutzfolien, welche man auf den Bildschirm klebt. So sind Daten vor fremden Blicken auf den Bildschirm geschützt.

Bildschirmarbeiten erledige ich im Zug am besten. Dazu gehören E-Mails, Konzepte, Blogs, schreiben von Verträgen, Recherchen im Internet oder Lesen von Unterlagen.

Telefonieren kann man im Zug ausreichend, wobei vertrauliche Gespräche sicher nicht in die Zug-Öffentlichkeit gehören. Es empfiehlt sich, die Wortwahl anzupassen, nicht über vertrauliche Firmeninterna zu sprechen und die Nennung von Namen zu vermeiden. Zugegebenermassen telefoniere ich gar nicht gerne, wenn mir jemand dabei zuhört. Telefonate erledige ich lieber an Bahnhöfen während dem Umsteigen.

Auch Skype-Gesprächen und Webmeetings habe ich im Zug bereits erfolgreich durchgeführt. Der Internet-Empfang mit meinem Netgear 4G-Router ist hervorragend, vor allem in Intercity Zügen mit Mobilfunk-Repeatern. Am besten klärt man den Gesprächspartner aber gleich zu Beginn des Gespräches auf, dass es Unterbrüche geben kann.

Auch Sitzungen sind in einem Vierer-Abteil möglich.

Arbeiten im Zug am Genfersee

14:32 – Ankunft in Brig und umsteigen auf den Intercity nach Zürich HB.

Fazit

Ich war heute beim Arbeiten im Zug wieder einmal äusserst produktiv: Ich habe 3 Blogbeiträge (unter anderem diesen hier) und ein Newsletter verfasst. Ausserdem habe ich ein Konzept geschrieben, 63 E-Mails beantwortet 3 Skype Anrufe getätigt, ein kurzes Webmeeting mit unserem Sales durchgeführt und 4 Telefonate erledigt. Es bestätigt sich, dass ich im Zug sehr fokussiert arbeiten kann, weil ich kaum gestört werde. Zudem konnte ich die wunderschöne West-Schweiz geniessen.

So lange ich mich auf die Bildschirm-Arbeit fokussieren kann, ist das Arbeiten im Zug für mich perfekt. Sobald ich aber sprechen muss, fühle ich mich beobachtet, was ich nicht mag.

Aus Gründen der Vertraulichkeit im Treuhand-Geschäft ist es nicht praktikabel, unserer Arbeitsplätze in den Zug zu verlagern. Unsere Online-Buchhalter sind ständig am Telefon und beraten ihre Kunden. Weil es dabei vorab um vertrauliche Inhalte geht, können solche Gespräche nicht im Zug geführt werden. Andere Jobprofile wie meins oder ev. auch für unsere Software-Entwickler oder Verkäufer sind für die Arbeit im Zug wohl besser geeignet. Das Büro im Zug für ein Startup ist perfekt.

Für einen Tapetenwechsel zwischendurch eignet sich ein Tag Arbeiten im Zug hervorragend. Ein vollständiger Ersatz für das Büro ist der Zug für mich allerdings nicht. Deshalb wird man mich auch weiterhin vorab im Büro in Stäfa antreffen. Alle 2-4 Wochen einen Tag im Zug arbeiten wäre allerdings eine tolle Sache. Deshalb habe ich mir das als Vorsatz für das Jahr 2017 genommen.

17:37 – Zurück am Bahnhof in Stäfa. Und jetzt ab in den Neujahrs-Urlaub!

Gra

2 replies
  1. Ueli Ehrbar
    Ueli Ehrbar says:

    Schöner Gedanke, Kundenbesuche nicht nach vereinbarten Terminen, sondern nach Wettervorhersage, bzw. Nebellagen.

    Antworten

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